TSU, 202 | Moderation: Prof. C. Gansel - 14.55-15.20

Die Vielzahl von Sprachen und ihre Funktionen in Doktor Faustus von Thomas Mann und Ein weites Feld von Günter Grass

Yelena Etaryan (Staatliche Brusov-Universität Yerewan)

Im Roman Doktor Faustus verflechten sich heterogene Sprachelemente und divergente Zitate zu einer Montage. Die Montagetechnik stellt im Roman keineswegs eine unzusammenhängende Zusammensetzung dar, sondern alle so disparat scheinenden Zitat- und Sprachelemente sind nach ganz bestimmten, den Absichten des Autors dienenden Themen und Prinzipien ausgewählt und im Roman zusammengefügt. Der Text von Th. Mann ist überfüllt mit Fremdwörtern aus der künstlerischen, naturwissenschaftlichen, geschichtlich-politischen und akademischen Sphäre, und die Erwähnung von Namen, Titeln, Kunstwerken und Textstellen verlangt ein beinahe enzyklopädisches Wissen vom Leser.[1] Festzuhalten ist dabei, dass aus Büchern und Artikeln entnommener Stoff meistens unter der Bewahrung des ursprünglich charakteristischen Wort- und Ideenmaterials in den Roman einmontiert ist. Jedoch ist es naheliegend, dass es sich um einen zielbewussten Einsatz vom „fremden Material“ im Text handelt. Diese Übernahmen mit den ihnen innenwohnenden sprachlichen Eigentümlichkeiten dienen der Schaffung von Leitmotivketten im Roman, der Unterstreichung der faustischen Elemente sowie der Darstellung des Dämonischen.[2] In unserem Beitrag werden wir auf die Quellen von Zitaten und deren Bedeutungsebenen eingehen.

Das Sprechen im Roman Ein weites Feld ist sehr breit gefächert: Man kann hier einen dauernden Wechsel zwischen den sprechenden Menschen, Themen, Schauplätzen und den Zeitebenen beobachten. Das ermöglicht dem Autor, die damalige Atmosphäre der Verwirrung angesichts der „großen“ historischen Ereignisse in Deutschland, vor allem in Berlin zur Zeit der Wende und Wiedervereinigung im Allgemeinen wiederzugeben. Alle Figuren, die im Roman auftreten, beziehen sich auf soziale und politische Praktiken, die die jeweilige Gesellschaft charakterisieren. Diese Praktiken werden dabei durch typische Wörter, Ausdrücke, Konstruktionen gekennzeichnet. Die Praktiken mit ihren Redensweisen betrachten wir in der Nachfolge von Foucault als Diskurse. Da Fonty - die Hauptfigur des Romans Ein weites Feld - im Roman den Fontane-Diskurs darstellt, parodiert er den Sprachduktus seines Vorbilds Theodor Fontane, von dem in unserem Vortrag die Rede sein wird. Im Laufe der Romanhandlung durchläuft seine Gestalt jedoch eine Entwicklung, und zwar entfernt er sich gegen den Romanschluss von seinem Vorbild, und es ist dann im Text nur noch von Theo Wuttke[3] die Rede. Darüber hinaus verabschiedet er sich zum Schluss auch von dem Dreieckverhältnis Fonty-Archiv[4]-Hoftaller[5]. Dieser Wechsel wird im Roman durch den Wechsel der Leitmotive und des Verhältnisses zwischen den Figuren signalisiert, der in den Mittelpunkt unserer Untersuchung rücken wird.

Zusammenfassend werden wir auf das Gemeinsame zu sprechen kommen, was der Sprach- und Motivgebrauch in den beiden Romanen angeht sowie die künstlerischen Absichten, die mit dem Gebraucht von Vielzahl der Sprachen und Motiven verbunden sind.

 

[1] Das ist auch im Roman Ein weites Feld der Fall.

[2] Alle im Roman erscheinenden archaischen Formen des Deutschen sind in der Kritik unter den Bezeichnungen „Lutherdeutsch“ oder „Faustdeutsch“ aufgefasst worden.

[3] Das ist der bürgerliche Name des Haupthelden.

[4] Die Erzählinstanz des Romans.

[5] Der „Tagundnachtschatten“ und der Spitzel von Fonty.