TSU, 101 | Moderation: Prof. C. Gansel - 15.20-15.45

Empfindungsakte der literarischen Texte bei der Klassifikation der Lesertypen. Überlegungen zu Hermann Hesse

Sevinc Rzajeva (Slawistische Universität zu Baku)

Der Beitrag berichtet über die führende im 20.J-h. Literaturrichtung – Rezeptionsästhetik und die Hauptideen ihrer Vertreter - Hans Robert Jauß und Wolfgang Iser, die den Wahrnehmungsproblemen des künstlerischen Textes aus der Perspektive des Lesers eine erstrangige Bedeutung zumaßen.

Nach Isers Meinung haben die Akte der Erfindung kein direktes Verhältnis zur Wirklichkeit und sie wachsen auseinander, das heißt, manchmal ergänzen sie und manchmal widersprechen einander. Im Text verwirklichen sie verschiedene Funktionen, und das bestimmt ihren Unterschied: die Differenzierung der Akte der Fiktion bezeichnet die Stadien des Prozesses der Umbildung, das durch Fiktion verwirklicht wird.

In literarischen Kunstwerken tritt das Vorgestellte "in unerwarteten willkürlich entstehenden Erscheinungen" auf. Ausgehend von einer ähnlichen Interpretation des Vorgestellten, solidarisiert sich Iser mit Edmund Husserl, der meint: "das Wesen der Phantasie ist darin, dass es beliebig sein kann. Von hier aus, ideal sagend, wird ihre absolute Willkürlichkeit sichtbar“. Außerdem werden hier einige Aussagen bezüglich dieses Problems eines englischen Philosophen - John Locke – berücksichtigt.

Im Beitrag wenden wir uns auch dem Verhältnis von Werk und Leser am Beispiel des deutschen Schriftstellers Hermann Hesse und seinem Schaffen zu, der das Lesen das beste Training nannte, um die Welt zu begreifen. Eine systemische Analyse der Leserfiguren ist Bestandteil der Hauptproblematik der Prosa von Hermann Hesse. Verschiedene Figuren und Positionen der Leser, die man im bisher Gesagten und auch in Hesses Essay finden kann, stellen den grundlegenden Aspekt seines Schaffens bloß, welches noch nicht genügend erforscht ist. Der Hintergrund dieser Diskussion über die Typologie des Lesers vermittelt den Eindruck, dass Hesses Streben nach dem literarischen Original eine Offenheit schafft, die die Herrschaft und zugleich die Mangelhaftigkeit der realen dialogischen Struktur in der Welt der Literaturkommunikation zeigt. Man versucht zu sagen, dass der kommunikative Mechanismus, der in Hesses Korrespondenz zum Tragen kommt, auch in seinen fiktiven Werken spürbar ist. Bezüglich dieses Aspekts gibt es verschiedene Aussagen, worin die Art und Weise von Hesses Schreiben als Geflecht poetischer Strategien geschildert werden, die auf die Wahrhaftigkeit zielen.

LITERATUR

Iser, Wolfgang, Akt des Lesens, Verlag: UTB, Stuttgart; Auflage: 4., 1994

Rzayeva, Sevinc, Realist and receptive aesthetics in the era of integration, “Digital Humanities” International Scientific Conference, Belgrad State University, 25-27 September, 2015 (S. 113-115)

Izer, Wolfgang, Theorie der Literatur: Eine Zeitperspektive. Konstanz, 1992 (47 S.)

Michels, Volker. Hermann Hesses “Der Steppenwolf”, Frankfurt am Main: Suhrkampf, 1972, S. 353-376

Esselborn-Krumbiegel, Helga. Strategien der Leserlenkung in Demian und Der Steppenwolf , Frankfurt am Main: Suhrkampf, 2004, S. 271-284

Hesse, Hermann. Betrachtungen und Berichte II. 1927-1961. Hg.v. Volker Michels. Frankfurt am Main 2003 (Sämtliche Werke, Bd.14), S. 450