TSU, 101 | Moderation: Prof. H. Masumoto - 16.50-17.15

Goethes „Werther“ und seine erste Adaptation in der Tonfilmgeschichte – „Le Roman de Werther“ von Max Ophüls (1938)

Manana Paitschadse (Georgische Goethe-Gesellschaft, Tbilissi)

Im Vortrag werden folgende Fragen erörtert: die Entstehungsgeschichte des Romans von Goethe, Typ seiner Diegese und Struktur des Narrativs, sowie die sprachliche Bildlichkeit. Es wird auch auf die zahlreichen philologischen, vor allem germanistischen Studien der Werther-Forschung eingegangen. Besondere Aufmerksamkeit wird dem Artikel des georgischen Germanisten Nodar Kakabadze „Goethes lyrischer Roman“ und der Monografie von Rüdiger Safranski (2013) „Goethe. Kunstwerk des Lebens. Biografie“ gewidmet. R. Safranski zieht die Schlussfolgerung, dass den Schwerpunkt des Romans nicht der Liebeskummer, sondern der Lebensekel (lat. taedium vitae) darstellt. N. Kakabadze hingegen hebt den lyrischen Narrativ hervor.

Im Vortrag werden die Gründe einer derart großen Beliebtheit erörtert.

Es wird auch der Psychotyp von Werther gedeutet – Werther ist ein melancholisches Individuum von dichterischer Natur. Für ihn sind zwei extreme Zustände kennzeichnend: Begeisterung/Ektase und Aversion. Ein mäßiger emotionaler Zustand ist bei ihm ausgeschlossen. Gerade diese Tatsache (wenn man so will, auch Klinik bzw. Diagnose) bildet die Ursache seines tragischen Endes. 

Es ist selten, wenn man eine vollwertige Verfilmung eines hervorragenden literarischen Werkes vorfindet.  Und dennoch gibt es Ausnahmen.  Eine solche Ausnahme ist der Film aus dem Jahre 1938 des deutsch-französischen Regisseurs Max Ophüls „Le Roman de Werther“. Der Film überzeugt vor allem durch seine elegisch-melancholische Stimmung (was auch mit dem lyrischen Narrativ des Buches übereinstimmt), er enthält aber auch eine ganze Reihe von Szenen, die einen gewaltigen Umbruch dieser Stimmung zur Verzweiflung, Ausweglosigkeit, was daher logisch zum Freitod des Helden führt. Den besonderen Reiz des Filmstreifens bildet die brillante Besetzung -  Pierre Richard-Willm, Annie Vernay, Jean Galland, Paulette Pax, Jean Périer. Die Gestalt von Charlotte gewinnt im Film eine Sonderstellung – sie ist deutlich aktionsreicher als die Lotte von Goethe. M. Ophüls entwickelt das Konzept der Oper von Jules Massenet „Werther“ (1892). Massenet’s Charlotte unterscheidet sich von der Charlotte des Buches wesentlich– in der Oper wagt sich Charlotte zum Liebesgeständnis und sie ist es, die Werther in seinen letzten Stunden beisteht. Sie stellt sich dadurch außerhalb der moralischen Verhaltensnormen der damaligen bürgerlichen Gesellschaft. Die Charlotte von M. Ophüls trägt die Züge der Lotte von Goethe, aber auch der Charlotte von J. Massenet und zugleich des Gretchens aus dem „Faust“.

Der Film widergibt die Hauptstimmung und die Hauptintention des literarischen Narratives – er ist lyrisch, elegisch, stürmisch, explosiv, und zur gleichen Zeit ruhig und schlicht – fast von „biblischer Schlichtheit“ – wie das Buch. Schade, dass das breite Publikum diesen Film nicht kennt.