TSU, 101 | Moderation: Prof. H. Masumoto - 17.40-18.05

Übertragung des Stils am Beispiel von russischen und georgischen Übersetzungen Franz Kafkas

Maia Liparteliani (Staatliche Ivane Javakhishvili Universität Tbilissi) 

Das wichtige Ergebnis der im 20. Jahrhudert geschehene „linguistische Wende“ ist die Neubewertung der Rolle und Natur der Sprache. Wenn man vorher die Sprache wie ein von uns erschaffenes Instrumentarium betrachtete, die von uns angewendet und weiterentwickelt wurde, wird sie in der Postmoderne ganz anders wahrgenommen - die Subjektivität der Sprache liegt viel höher als die des Menschen, nicht von uns wird die Sprache verwaltet, sondern wir werden von ihr gesteuert, in gewisser Hinsicht wird von ihr unsere Identität eingeschränkt. Diese Sicht hat einen großen Einfluss auch auf die Übersetzungstheorien.

Die Hauptoppositionen, anhand deren das Phänomen der Übersetzung von der klassischen Philosophie aufgefasst wurde, sind: Übersetzung/Original, primär/sekundär, übersetzbar/unübersetzbar. Es ist klar, dass unter diesem Aspekt Übersetzung im Vergleich zum Original immer in einer untergeordneten und unterdruckten Position stand. Er wurde als sekundärer, von Urtext abhängiger, mangelhafter Text betrachtet.

Walter Benjamin und Jacques Derrida widersprechen dem klassischen Verständnis der Übersetzung und durch verschiedene philosophische Sichtweise kommen zum gleichen Ergebnis – Übersetzung ist für ein jedes Original ein gewünschter, extrem notwendiger Fall. Es ist Zeit, wir sprechen über die Übersetzung nicht wie über die Korruption und den Defekt des Sekundärtextes, sondern wie über den Fall, ohne dessen weitere Existenz des Primärtextes unvorstellbar sei, sagt Derrida.

Was macht die Übersetzung dem Original gleich? Wie soll eine gute Übersetzung sein?

Laut Benjamin ist bei der literarischen Übersetzung nicht die Mitteilung wichtig, sondern „mehr als Mitteilung“ – also Übertragen der Stimmung, Emotion und der Intention, die Benjamin „dichterische“ nennt und die er als „unfaßbare“, „geheimnisvolle“ definiert.

Der Literaturtheoretiker Roman Ingarden bezeichnet dies als “eigene Stimme des Autors” und bemerkt, dass der Lautklang dieser Stimme während der Übersetzung in die Fremdsprache besonders hervorgehoben wird. Die exakte Übertragung dieser „Stimme“ ist seiner Meinung nach nicht möglich – die Verschiedenheit der einzelnen Laute verursacht die Entstehung der unterschiedlichen Lautbildung und Stimmung im Text.

Während der Analyse von Kafka-Übersetzungen ist besonders auf die Stilübertragung von einer Sprache in die andere zu beachten, denn genau der Stil und seine Elemente schaffen im Text „unfassbare“, „geheimnisvolle“, „eigene Stimme“, deren Übertragung von einer Sprache in eine andere für den Übersetzer die wichtigste und gleichzeitig die schwierigste Aufgabe darstellt.