TSU, 107 | Moderation: Prof. E. Sturm-Trigonakis - 14.55-15.20

Das Abendland-Ideal in Orhan Pamuks Die weiße Festung

Mutlu Er (Hacettepe Universität Ankara)

Der Roman “Die weiße Festung” widerspiegelt wie andere bekannte Werke von Orhan Pamuk das Zusammenwirken westlicher (christlicher) und östlicher (muslimischer) Traditionen und handelt im 17. Jahrhundert des Osmanischen Reiches. Ausgehend einer historischen Realität fällt ein Venezianer in Gefangenschaft und dient einem Hodscha. Beide Protagonisten werden nach Hegels Herrschafts- und Knechtschaftsmotiv allegorisch dargestellt. Pamuks Gefangenschaft in seiner eigenen Kultur verkörpert sich im Hodscha (der mystische Orient), der sich dem Positivismus und Rationalismus (der wissenschaftliche Okzident) nähert, um das “nicht-Westliche” (weder Orient noch Okzident) zu erreichen. Die Suche nach dem Eigenen und Anderem wird von Pamuks Protagonisten verbildlicht dargestellt: Während der Hodscha sich einer Nachahmung des Okzidentalen begibt, konfrontiert sich der venezianische Knecht mit dem Eigenen. Statt einer Hybridität sollen sich Kulturen näherkommen und die eigene Existenz auf die Existenz des Anderen aufbauen, denn ohne Selbstbekenntnis des Eigenen könne die Phase der kulturellen Entwicklung verfehlen. Beide Welten unterliegen einer gewissen Symmetrie, sodass auch beide Protagonisten in die Welt des Anderen eintauchen: Herr wird Knecht, Knecht wird Herr. Die Weiße Festung reflektiert den Realisierungswunsch des Orients, um die Defizite des Eigenen abschaffen zu können, ohne jedoch die eigene Realität zu ignorieren. Des Weiteren fungiert der Roman (so wie fast alle Werke von Pamuk) als ein Statement gegen Fundamentalismus und leidenschaftliche Modernität und verkörpert Pamuks ideale Vorstellung der Identität.