TSU, 107 | Moderation: Prof. E. Sturm-Trigonakis - 15.45-16.10

Translation für die Nation Georgien

Nino Osepashvili (Universität Mainz)

Austausch ist ein wichtiger Bestandteil vieler gesellschaftlicher Prozesse. Betrachtet man das Schaffen literarischer Texte als gewissen sozialen Vorgang, sowie das menschliche Denken ein sozialer Prozess ist, dann kann man die Notwendigkeit, bzw. Wunsch und Belange nach dem Austausch mit anderen auch hier nicht ausschliessen. Doch die literarischen Austauschprozesse laufen nicht geregelt und sind nicht immer gleichmäßig. Die geographische „Abgelegenheit“ der Länder und geschichliche Ereignisse lassen kleinere und „entferntere“ Literaturen oft nur teilweise entdecken und sogar das Herausragende aus diesen Literaturen bleibt oft unbekannt oder nur unzureichend bekannt für andere. Dabei kann die Literatur häufig eine außerordentliche Rolle spielen für die Selbstidentifikation und -bestimmung eines ganzen Landes.

Die sogenannte „Grenzlage“ zwischen Europa und Asien hat vieles in der Geschichte Georgiens bestimmt und hat auch in der georgischen Literatur ihre „Spuren“ hinterlassen. In der Geschichte dieser Literatur passierte auch, dass sie Austausch woanders gesucht und Einflüsse von woanders bekommen hat. Immerhin sieht man bei der bescheidenen Betrachtung dieser Prozesse von heute aus, wie wichtig die Rolle war, die Übersetzungen in diesem Land schon einmal beigemessen wurde. Auch auf der Suche nach Selbstidentifikation und Selbstbestimmung hat der literarische Austausch, auch wenn er manchmal eingeschränkt war, einiges beeinflusst und erzeugt.

Die Aufgabe dieser Arbeit liegt darin, aus zwei verschiedenen Perspektiven die Prozesse der literarischen Translation (im Sinne des Kulturtransfers und des literarischen Transfers) in den Anfangsjahrzehnten des 20. Jhs. in Georgien zu durchschauen. Einmal ist die Makroperspektive gewählt, um mit Hilfe von Polysystemtheorie die Translationsprozesse in Georgien im europäischen Kontext abzuhandeln und andererseits die Mikroperspektive, um durch Mikrosoziologie der Translation jene Prozesse zu beobachten, die in Georgien stattfanden nach dem Transfer westeuropiäscher Ideen ins Land und für die Selbstidentifikation als Teil Europas.