TSU, 107 | Moderation: Prof. T. Tschumburidse - 18.05-18.30

Die vielfältige Einheit des modernistischen Geistes: Nietzsches Einfluß auf R. M. Rilke, Chr. Morgenstern, D. H. Lawrence und D. Mereschkowski

Tamar Reck-Kotrikadze (Kaukasisches Haus, Tbilissi)

Friedrich Nietzsche, der große Rebell des europäischen Denkens, mit seinen Ideen des „Übermenschen“ und der dionysischen Ästhetik, hat bekanntlich die Literatur und Philosophie der Jahrhundertwende, europäischen Modernismus und Expressionismus, sowie russischen „silbernen Zeitalter“ durchaus stark geprägt, was unter anderem, in der Idee und dem Thema der Überschreitung des Menschlichen zu einer höheren geistigen Existenz verbunden ist; das Letztere wird nicht selten mit einem Motiv des sich von der menschlichen Gesellschaft Entfernens, des ins Gebirge Steigens ausgedrückt, aber auch dem Motiv des Zurückkehrens zur Erde, der Resakralisierung alles Irdischen, was bisher vom Geist verschmäht war („der Erde treu sein“ nach Nietzsche).

Rainer Maria Rilkes Gedicht „Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens“ stellt die Erhöhung über dem Niveau der menschliche „Worte“ und „Gefühle“, ein Entsagen allem warmen und „blühenden“ als einen hohen Preis für die „übermenschlich“-geistige Existenz.

Der frühe Gedichtband Christian Morgensterns „In Phantas Schloss“ (der „dem Geiste Friedrich Nietzsches“ gewidmet ist) stellt die ästhetisch-schöpferische Erhöhung über dem städtischen Philisterdasein durch die Szene der „Auffahrt“ mit „feurigen Rossen“ auf die höchste Bergspitze in den Himmelschloss seiner Muse, der Göttin der schöpferischen Phantasie dar, die dem lyrischen Ich, als dem auserlesenen Dichter, die Welt in allen ihren Farben zeigt.

D. H. Lawrence, dessen rebellisch-stürmischer und ironisierender Stil oft an Zaratustras Predigten erinnert, macht mit seiner Prosa und Essayistik eine Revolution im britischen puritanischen Konservatismus, indem er unter anderem, die Instinkte des Blutes, das Erotische zu rehabilitieren und dadurch eine höhere Geistesexistenz zu erreichen meint. Der Protagonist seines Romans „Lady Chatterley´s Lover“ Oliver Mellors, ein gemeiner Mann aus der Bergarbeitergegend, der bei einem Landesherrn als Förster dient, überschreitet soziale Grenzen durch die Liebe seiner Herrin; seine Nähe zur Natur und seine erotische Kraft macht ihn zu einem vollkommenen Wesen, er wird zusammen mit seiner Geliebten zu „Adam und Eva eines neuen Zeitalters“.

Ähnlich Nietzsche und Lawrence, erklärt der Philosoph und Schriftsteller Dmitri Mereschkovski den Leib ebenso heilig, wie den Geist. In seiner ebenso revolutionären Essayistik analysiert er die russische klassische Literatur aus einer für seine Zeit neuen, nietzscheanischer Sicht: die Protagonisten Fjodor Dostoewskis – Raskolnikow („Schuld und Sühne“), Kirilow („Die Teufel“) und andere erscheinen für ihn als Nietzschenar bevor Nietzsche, die die Probleme der Möglichkeit geistiger Vollkommenheit ohne Gott und Moral zu lösen versuchen.