TSU, 115 | Moderation: Prof. H. Weydt - 14.55-15.20

Kognition und Kategorisierung der Zeit

Eliza Ghazaryan (Staatliche W. Brjussow-Universität für Sprachen und Sozialwissenschaften Jerewan)

 

Der Mensch organisiert sein Weltwissen aufgrund der Kategorisierung von bestimmten Umweltreizen, Erlebniszusammenhängen und Erfahrungen und diese spiegeln sich in der Sprache wider. Dass die sprachlichen Phänomene im Zusammenhang mit der außersprachlichen Welt zu betrachten sind, und dass die sprachliche Gruppierung von Entitäten auf die unterschiedlichen Wahrnehmungen der Welt verweist, ist kein allzuneuer Gedanke.

Die Entwicklung und Verarbeitung verschiedener Konzepte ist nicht willkürlich, sondern beruht auf der Weltwahrnehmung des Menschen, wobei verschiedene Phänomene miteinander in Verbindung kommen.

Die Forschung des Zeitkonzeptes, als einer der Grundkategorien des Sprachbewusstseins, kann aus dieser Perspektive  zu vielen interessanten Ergebnissen führen: einerseits, weil die abstrakte Zeit in ihrer Messung als Organisationsinstrument bei der menschlichen Tätigkeit als Universalie gilt, und andererseits, weil sie die Eigenschaft hat, die wesentlichen Ereignisse einer bestimmten Kultur oder Gesellschaft zu reflektieren.

Dass es die Zeit gibt, zweifelt keiner daran. Die Frage ist nur wie, in welcher Form existiert sie. Das Phänomen der Zeit und die ihr zugeschriebenen Funktionen sind allgemein bekannt, und dennoch kaum fassbar. Bestrebungen, das Wesen der Zeit zu erfassen und zu beschreiben, existieren nachweislich seit der Antike. Aristoteles' und Platons Gedanken über die Zeit beeinflussen noch heute die Zeitauffassung des modernen Menschen. Um sich dem Verständnis dieses Phänomens zu nähern, versucht die kognitive Semantik zunächst zu untersuchen, wie sich die Zeit konzeptualisieren lässt. Konzeptualisierung ist ein komplexer Prozess, ein langer Weg, den das menschliche Bewusstsein zurücklegen muss, um ein Konzept zusammenzubauen. Die wichtigsten „Stationen“ auf diesem Wege sind das Wahrnehmen, Erkennen, Verarbeiten, Konzeptualisieren (einen Begriff in Worte fassen, um darüber sprechen zu können) und Kategorisieren (Konventionen, Zusammenhänge, Relationen mit anderen Begriffen und Kategorien im Bewusstsein schaffen). Das Konzept ist eine Einheit der mentalen Ebene. Es ist ein Teil des kognitiven Weltbildes der Völker, welches Elemente der menschlichen Psyche und der nicht sprachlichen Realität enthält und durch die Sprache verkörpert wird.

Zur sprachlichen Verkörperung der abstrakten Zeit zeigt sich die sprachliche Notwendigkeit der Metapher. Weinrich konstatiert: "Wir können ja die Zeit gar nicht anders benennen als metaphorisch" (1963: 316). Demnach existiert keine unabhängige Vorstellung von der Zeit, sie ist ausschließlich durch eine Strukturübertragung konzeptuell repräsentiert. Der bevorzugte Ursprungsbereich dieser Übertragung ist die Domäne des Raumes. So wird Zeit mit Hilfe von Bewegung, Veränderung im Raum oder räumlicher Orientierung beschrieben.

Die linguistische Feststellung, dass Zeit metaphorisch mit Hilfe der Raumdomäne konzeptualisiert wird, hängt nach Lakoff mit unseren biologischen Voraussetzungen zusammen.

Lakoff und Johnson unterscheiden zwischen sprachlichen und konzeptuellen Metaphern. Die metaphorische Übertragung ist auf der konzeptuellen Ebene lokalisiert und wird auf der sprachlichen Ebene in konventionell-metaphorischen Ausdrücken und Redewendungen realisiert. Zudem erfüllt die Metapher wichtige kognitive Funktionen. Aufgrund ihres kreativen Potentials können Denkmuster metaphorisch umstrukturiert werden und dadurch neue Sichtweisen hervorrufen. Die Betrachtung der kognitiven Metapherntheorie lässt vermuten, dass eine so abstrakte Domäne wie die des Phänomens Zeit äußerst metaphernreich und ohne metaphorische Konzeptualisierung kaum vorstellbar ist.

In der deutschen Sprache manifestiert sich die Vorstellung der engen Verbindung von Zeit und Raum im menschlichen Bewusstsein in Ausdrücken wie "Zeitraum", "lange oder kurze Zeit" oder "geraume Zeit".

Die Modelle zur Konzeptualisierung von Zeit sind über Epochen und verschiedene Kulturen hinweg stets räumlicher Natur. Zu den verbreitetsten Typen zählen die Darstellung der Zeit als linear, zyklisch und spiralförmig.

Die Konzeptualisierung von Zeit als Raum stellt die wichtigste, jedoch nicht die einzige Zeit-Metapher dar. Häufig findet sich ein metaphorisches Verständnis der Zeit als Gegenstand (sie kann dann hart, schwer, mager, schön usw. sein) oder als Substanz, beispielsweise als Zeitfluss oder als begrenzte Ressource. Auch Personifikationen der Zeit kommen nicht selten vor, etwa als Chronos (in der griechischen Mythologie), Gegner, Verfolger, Dieb oder Heiler.

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