TSU, 202 | Moderation: Prof. T. Borsche - 15.20-15.45

„Die Revolte gegen die Götter ist vergebens“. Versuch einer Darlegung der Reflexionstheoretischen Interpretationsmethodik von Gotthard Günther

Vamekh Okujava (Rheinische Friedrich-Wilhelm-Universität Bonn)

Die „großartige Konzeption des halb-göttlichen Menschen ist“, schreibt Gotthard Günther, sich auf Goethes Prometheus beziehend, „ein hervorragendes Beispiel, wie tief das schöpferische Werk auch des Genies in den metaphysischen Voraussetzungen des eigenen Zeitalters gebunden ist“. Diese Aussage aber impliziert, dass das Zeitalter Goethes – darunter Günther nicht die Neuzeit, sondern, viel weiter gefasst, das der Regionalen Hochkulturen versteht – homogene Grenz-Bedingungen des Denkens und Fühlens („Metaphysik“) besitzt.  Wie sich diese metaphysischen Voraussetzungen im Verlauf der (Geistes-)Geschichte Schritt für Schritt auflösen und transformieren, ist im Nachhinein analysierbar… deshalb auch die Voraussetzungen selber. Diese Metaphysik der Hochkulturen aber besagt nichts Geringeres, als dass alles Dasein und alle Wirklichkeit als hierarchisches Ordnungs- und Rang-Verhältnis gedeutet werden muss. Wer diese Annahme teilt, dem muss jeder Versuch, die empfundene Ordnung zu verändern oder umzukehren, um sich so von ihr zu emanzipieren, a priori misslingen. Denn dadurch, dass er sie umzukehren oder umzutauschen versucht, erkennt er implizit an, dass er die Wirklichkeit weiterhin als ein Ordnungsverhältnis begreift. So geschieht es der goethischen Reflexion in Prometheus: Sie entthront zwar Zeus… aber die „hierarchische Rangordnung der Himmelsleiter“ selber besteht noch weiter fort: (Sein) Prometheus bleibt somit „negativ an die Voraussetzungen seiner eigenen spirituellen Existenz gebunden“. Die Hierarchie bleibt ungebrochen; die alte Voraussage bestätigt sich: „Die Revolte gegen die Götter ist vergebens, wie der Mythos tiefsinnig sagt, der den Prometheus durch Zeus an den Felsen des Kaukasus schmieden lässt.“