TSU, 202 | Moderation: Prof. T. Borsche - 15.45-16.10

Die höchste Synthese von Einheit und Verschiedenartigkeit – der Begriff des absoluten Geistes bei Plotin

Ana Kiria (Staatliche Ivane Javakhishvili Universität Tbilissi)

Im vorliegenden Vortrag wird die plotinische Theorie des absoluten Geistes behandelt. Plotin (205-270 n. Chr.) ist der Begründer des Neuplatonismus. Er gilt als einer der größten und wirkungsmächtigsten Denker der Antike. Die hierarchische Spitze des plotinischen Systems bildet das Eine selbst. Das jenseits des Seins und des Denkens liegende Eine ist für Plotin das oberste Prinzip und die erste Ursache von Allem. Es stellt den Ausschluss des Vielen dar. Als das schlechthin Nicht-Viele weist es keine Differenz und Bezüglichkeit auf. Daher bleibt es dem auf der Subjekt-Objekt-Dualität beruhenden Denken unzugänglich. Für sich selbst betrachtet ist es unbestimmbar und unerkennbar. Der absolute Geist, die zweithöchste Wirklichkeitsebene im plotinischen System, wird aus dem Einen heraus erzeugt. Er ist mit dem eigentlichen Sein gleichgesetzt und enthält die Totalität der wahrhaft seienden Dinge, der Ideen. Im Gegensatz zum differenzlosen, reinen Einen, in dem die Vielheit völlig getilgt ist, besteht der Einheitscharakter des Geistes in der Vereinigung des Vielen und Vielfältigen, wobei das Vielfältige zu einer Einheit zusammengefügt wird, ohne in eine Einheit aufgehoben zu werden. Aufgrund seines unmittelbaren Hervorgangs aus dem Einen und seiner Nähe zur ursprünglichen Einheit stellt der Geist den höchsten Grad von Einheit dar, der sich in der Vielheit verwirklichen lässt. Plotin bezeichnet ihn als Eines-Vieles. Mit dem Einen-Vielen wird die erste und zugleich höchste Synthese von Einheit und Vielheit, Einheit und Verschiedenartigkeit erreicht. Genau in dieser Synthese besteht die eigentliche Fülle des Seins. Bei Plotin kommt dem Geist die Funktion des ersten Gesetzgebers und des Gesetzes des Seins zu, während das jenseitige Eine aus der Seinsordnung herausgehoben zu sein scheint. Das Ziel dieses Vortrags liegt darin, einen übersichtlichen Einblick in das Wesen des absoluten Geistes zu gewinnen, wobei auch die grundlegenden Unterschiede zwischen der geistigen und der sinnlich wahrnehmbaren Welt aufgezeigt werden sollen. In der Verfolgung dieser Zielsetzung gehen wir in drei Schritten vor:

Anhand eingehender Textanalyse wird zunächst die Identität von Sein, Denken und Geist sowie der Begriff des Sich-selbst-Denkens erläutert. Nach Plotins Auffassung besteht die einzig mögliche Tätigkeit des wahren Seins in reinem, substantiellem Denken. Solches Denken ist nicht ein diskursives Folgern, sondern ein unmittelbares geistiges Ergreifen des Gedachten, wobei die drei Momente von Denkendem (=Geist), Gedachtem (=Sein) und Denkvollzug als identische zusammenfallen, ohne dass jedoch ihre Unterschiedenheit verschwindet. Das Sein ist demnach nicht bloß das Gedachte des Geistes, sondern es ist in sich selbst Geist und umgekehrt Geist ist nicht bloß das Erkenntnissubjekt eines Seins, das ihm als Objekt gegenübersteht, sondern das Sein selber in seinem Tätigsein. Was substantielles Denken betrifft, so stellt es für Plotin das Sich-selbst-Denken in vollkommener Form dar, welches im Grunde genommen nichts anderes bedeutet als das aristotelische Denken des Denkens.

In einem zweiten Schritt geht es um die geistigen Kategorien. Dem Geist müssen aus dem platonischen Sophistes stammende fünf Kategorien (Seiendes oder Seiendheit, Bewegung, Ruhe, Selbigkeit und Andersheit) zukommen, damit das Sich-selbst-Denken überhaupt möglich ist.

Mit dem dritten und letzten Schritt gelangt man dazu, den absoluten Geist in seiner unendlichen Verschiedenartigkeit zu begreifen. Folglich wird auf dieser Ebene das Enthaltensein der Ideen im Geist sowie deren Beschaffenheit thematisiert. Das aristotelisch geprägte Konzept des Geistes als Sich-selbst-Denken oder Denken des Denkens kombiniert Plotin mit der Ideenlehre Platons, sodass das Wesen des plotinischen Geistes inhaltlich durch die Fülle aller Ideen bestimmt ist. Als wahrhaft seiende Wesensstrukturen liegen sie materiellen Dingen zugrunde. Durch Darlegung einiger Hauptmerkmale der Ideen soll am Ende die besondere Eigentümlichkeit geistiger Vielfalt zum Ausdruck gebracht werden