TSU, 202 | Moderation: Prof. K. Jungbluth - 16.25-16.50

Humboldtianische Wege zum Verhältnis vom Allgemeinen und Einzelnen

Gordana Jovanovic (Universität Belgrad)

Der Humboldtsche Teil des Titels des Humboldt-Kollegs – „Die unermeßliche Verschiedenartigkeit der Elemente“ – das aus Anlass des zweihundertfünfzigsten Jahrestages der Geburt von Alexander von Humboldt stattfindet, könnte, meiner Meinung nach, reflexiv auch auf Alexander von Humboldt als Erkenntnissubjekt und handelndes Subjekt angewendet werden. Deshalb möchte ich dem noch ein Thema hinzufügen, von dem ich hoffe, nicht weniger bedeutungsvoll für Alexander von Humboldt zu stehen – von Verschiedenheit der Elemente zur Bildung von Ganzheit und Allgemeinheit zu kommen, um in ihr und von ihr Anerkennung und bejahende Erwiderung aber auch Berufung zur Anerkennung von Anderen zu beanspruchen. Es galt für Alexander von Humboldt, nach seinen vielen Erfahrungen mit Verschiedenheiten von Menschen, doch alle als „zur Freiheit bestimmt“ zu verstehen. Und erst die Freiheit kann die Verschiedenartigkeit aller gewährleisten und fördern. Für viele zu seiner Zeit, aber auch noch in unserem Zeitalter, blieb Verschiedenheit der Menschen der Grund zur Ausgrenzung, Ausschliessung – auch aus der Menschengattung.

Dasselbe Muster des Verhältnisses zwischen verschiedenen einzelnen Elementen und der Allgemeinheit findet sich bei Humboldt in vielen Bereichen – sei es in seinen vielfachen Rollen des Mittlers, z. B. politisch (zwischen Preussen und Frankreich, Staat und Wissenschaft) oder ökonomisch (im Werben für verschiedene landwirtschaftliche Kulturen statt Monokultur), sei es in der technischen Anwendung seiner Erkenntnisse (z. B. im Bergbauzubehör), vor allem aber in seinem Ethos der Gleichheit und Freiheit.

Das Ziel dieses Vortrags ist einerseits, Alexander von Humboldts Einsichten in das gegenseitig stiftende Verhältnis des Einzelnen, Verschiedenen und Gemeinsamen, Allgemeinen zu würdigen, andereseits vor dem bedrohten Status der Allgemeinheit in unserem Zeitalter zu warnen,  das obsessiv nach atomisierten Unterschieden sucht und sie zur Bestimmung der Freiheit erhebt, ohne den Weg zum Gemeinsamen und Allgemeinen zu sichern.