TSU, 202 | Moderation: Prof. K. Jungbluth - 16.50-17.15

Die Vergänglichkeit des Gefühls von Heimweh

Aleksandra Eliseeva (Universität Sankt Petersburg)

Die Problematik des Beitrags, der sowohl zum Bereich der Literaturforschung als auch zu dem von Culture Studies gehört, korrespondiert mit dem Thema des Humboldt-Kollegs „Die unermeßliche Verschiedenartigkeit der Elemente“ insoweit, dass es um Gefühle bzw. Affekte geht, welche die Literatur verarbeitet, darstellt, evoziert und welche unzählig, mannigfaltig, und historisch veränderlich sind. Die Studie stützt sich auf die These der Historikerin Ute Frevert, dass menschliche Gefühle einem historischen Wandel unterliegen. In ihrer Monographie „Vergängliche Gefühle“ (Göttingen: Wallstein, 2013) setzt sich die Forscherin mit der Historizität von solchen Gefühlen wie ,Schamʻ und ,Ehreʻ auseinander, welche einst eine bedeutende Rolle im emotionalen Leben der EuropäerInnen gespielt hätten, nun aber im Verschwinden begriffen seien. Die These meines Beitrags besteht darin, dass das Gefühl von Heimweh Anfang des 21. Jahrhunderts ebenso zurückgetreten ist und im Vergleich zu früheren Epochen seine Rolle eingebüßt hat.

Diese These soll anhand der interkulturellen Literatur von Ende des 20. – Anfang des 21. Jahrhunderts bewiesen werden. Als Gegenstand der Analyse dienen fünf autobiographische bzw. autofiktionale Texte der deutschsprachigen AutorInnen aus der ehemaligen Sowjetunion: „Zwischenstationen“ (1999) von Vladimir Vertlib, „Russendisko“ (2000) von Wladimir Kaminer, „Meine weißen Nächte“ (2004) von Lena Gorelik, „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ (2012) von Olga Grjasnowa und „Vielleicht Esther“ (2014) von Katja Petrowskaja. Alle diese Werke vermitteln Emigrationserfahrungen, darunter die Übersiedlung in ein deutschsprachiges Land – die BRD bzw. Österreich.

Die Analyse der Texte zeigt, dass sich das Lebensgefühl der MigrantInnen von Ende des 20. Jahrhunderts wesentlich von dem unterscheidet, das Texte von EmigrantInnen der ersten Welle vermitteln. Das Gefühl von Heimweh in der Literatur der Emigration der ersten Welle wurde intensiv in der Forschung behandelt. In keinem der hier analysierten Texte verspüren die ProtagonistInnen  Sehnsucht nach der Heimat, ,Heimwehʻ oder beklagen ihre Vertreibung in die Fremde, die Werke enthalten also keine Topoi, welche Reiseberichte und Emigrantenliteratur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und der Zwischenkriegszeit einsetzten. Migrationsländer werden mitunter viel positiver als das Herkunftsland dargestellt. Nur einzelne Spuren, Rudimente des Gefühls von Heimweh sind in einigen Texten auszumachen.

Im Beitrag wird die Frage nach den Gründen dieses Phänomens gestellt sowie zur Diskussion angeboten. Was hat diesen historischen Wandel des Gefühls verursacht? Liegt es an schlechten Erfahrungen im Geburtsland? Wird die globalisierte Welt anders empfunden als ,die Welt von gesternʻ mit ihrer Opposition von ,Heimatʻ und ,Ferneʻ?  Haben schnelle wirtschaftliche und politische Veränderungen dazu beigetragen, dass man sich seinem Herkunftsland entfremdet? Geht es um ein langsames und unabwendbares Verschwinden von Heimatgefühl?