TSU, 212 | Moderation: Prof. N. Dobordschginidse - 15.45-16.10

Lexikalische Vielfalt im Spiegel der Grammatik (auf der Grundlage slavischer mittelalterlichen Übersetzungen aus dem Griechischen)

Lora Taseva (Institut für Balkanistik & Zentrum für Thrakologie an der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften, Sofia)

Übersetzte Werke überwiegen in der Literatur der orthodoxen Slaven im Mittelalter: sie machen ca. 90 % ihres Umfangs aus. Sogar die meisten Originalwerke sind mehr oder weniger von byzantinischen Vorbildern der entsprechenden Gattung beeinflusst. Deswegen beleuchtet die Erforschung verschiedener Aspekte der Beziehungen zwischen Original und Übersetzung indirekt auch Fragen der Entstehung und der Entwicklung der Schriftsprache, der Literatur und der Weltanschauung der kulturellen Gemeinschaft, die oft Slavia Orthodoxa genannt wird.

Die Wahl des passenden lexikalischen Äquivalents in der Zielsprache für jeden Wortbeleg aus dem Originaltext ist eine der wichtigen Aufgaben des Übersetzers. Bei ihrer Lösung spielen nicht nur seine Kenntnisse des Wortschatzes jeder der beiden Sprachen und sein kultureller Horizont eine Rolle, sondern auch die dominierenden Übersetzungsprinzipien seiner Zeit und seiner Schule, ebenso natürlich sein individiueller Stil.

Der Vortrag betrachtet einen Aspekt der vielfältigen und komplizierten Beziehungen zwischen dem byzantinischen Wortschatz und seiner Widerspiegelung in slavischen Übersetzungen vom 9. bis zum 11. Jahrhundert. Auf der Grundlage der publizierten griechisch-slavischen Wörterverzeichnisse zu elf handschriftlichen Denkmälern, die fast alle Gattungen der frühen Übersetzungsliteratur abdecken, wird die Vielfalt der slavischen Korrelate griechischer Wörter mit dem Anfangsbuchstaben σ verfolgt. Die quantitativen Daten bezüglich der Variabilität der slavischen Entsprechungen in den betrachteten Quellen werden unter Berücksichtigung der Zugehörigkeit der Lexeme zu morphologischen Kategorien systematisiert. Die Analyse zeigt einige feste Тendenzen auf, die kaum ein Zufallsprodukt sein können. Eher spiegeln sie gesetzmäßige Verhältnisse zwischen der Semantik des Wortes und der kategorialen Bedeutung seiner Wortart wider. Deswegen kann man eine der möglichen Erklärungen für dieses Übersetzungsphänomen in den Wechselbeziehungen zwischen zwei verschiedenen Ebenen der Sprache suchen, die mit zwei verschiedenen Funktionen der Sprache verbunden sind: der Benennung und der kategorialen Einordnung.