TSU, 212 | Moderation: Prof. J. Apakidse - 16.25-16.50

Digital Kartvelology – neue Methoden der Forschung

Jost Gippert, Manana Tandaschwili (Goethe-Universität Frankfurt am Main)

Im Allgemeinen bezeichnet der Begriff „Kartvelologie“ die sprachwissenschaftliche Disziplin, deren Objekt die Kartvelsprachen sind, also Georgisch, Zanisch (Megrelisch und Lazisch) sowie Svanisch. In weiter gefasster Bedeutung kann "Kartvelologie" für das gesamte wissenschaftliche Feld stehen, das man als "Georgian Studies" bezeichnen kann. In diesem Sinne ist Kartvelologie ein stark interdisziplinärer Begriff, der Linguistik, Literaturwissenschaft, Ethnographie, Geschichte, Archäologie, Epigraphik, Paläographie, Numismatik, Wirtschafts- und Rechtswissenschaft sowie andere Disziplinen einschließt.

Wenn wir von Kartvelologie in sprachlicher Hinsicht sprechen, muss "digitale Kartvelologie" denjenigen wissenschaftlichen Bereich meinen, der sich einerseits mit digitalen Ressourcen im Zusammenhang mit kartvelischen Sprachen und andererseits mit modernen Technologien zur Verarbeitung dieser Daten befasst. "Digitale Ressourcen für die Kartvelsprachen" bezeichnet dabei in erster Linie digitale Textkorpora, die sowohl schriftliche als auch mündlich dokumentierte Materialien umfassen können. Dies schließt die Möglichkeit ein, die georgische Sprache diachron zu untersuchen. Darüber hinaus können digitale Sprachkorpora auch mündliche Materialien der georgischen Dialekte sowie Soziolekte enthalten. Zusätzlich ist es erforderlich, elektronische Wörterbücher für die Kartvelsprachen und ihre Dialekte zu erstellen. Neben diesen digitalen Ressourcen sind moderne Technologien für die Erforschung und Verarbeitung der Daten erforderlich, die an die Morphologie und Syntax der Kartvelsprachen angepasst sind. Ein weiterer wichtiger Punkt sind internationale Standards für die Digitalisierung der Kartvelsprachen. Der heutige Unicode-Standard deckt die phonetischen Systeme der Kartvelsprachen in Form der georgischen Alphabete und Zeichen für die Transkription mit diakritischen Symbolen ab.

In Frankfurt haben wir uns seit mehreren Jahrzehnten intensiv um die Entwicklung einer digitalen Kartvelologie in diesem Sinne bemüht. Die oben genannten digitalen Ressourcen und modernen Technologien bildeten dabei die Grundlage. Der größte Teil unserer Arbeit wurde im Rahmen internationaler Kooperationsprojekte geleistet. Seit 1999 haben wir mit verschiedenen Einrichtungen in Georgien zusammengearbeitet, wie der Staatlichen Universität Tbilisi, der Staatlichen Universität Batumi, der Ilia-Universität, dem Nationalen Kekelidze-Handschriftenzentrum, der Nationalen Parlamentbibliothek Georgiens, der Georgischen Wissenschaftsbibliothek, dem Chikobava-Institut für Sprachwissenschaft, dem Georgischen Nationalmuseum, und anderen. Ein wichtiger Aspekt der digitalen Entwicklung der Kartvelologie ist auch die Einbindung von Nachwuchswissenschaftlerinnen und ‑wissenschaftlern in die oben genannten Aufgaben. Zu diesem Zweck haben wir seit 2012 in Zusammenarbeit mit der Universität Batumi internationale Sommerschulen zu folgenden Themen durchgeführt: Digitale Geisteswissenschaften, Korpuslinguistik und spezielle Probleme der Kartvelologie, Dokumentation von Sprachen und Kulturen, Digitale Kartvelologie, Digitale Kaukasiologie. Die Entwicklung einer digitalen Kartvelologie umfasst in unseren Augen drei wesentliche Komponenten: die Erstellung von "Big Data" für die „Georgian Studies“, die Entwicklung moderner Technologien für die Verarbeitung der Kartvelsprachen und die Vorbereitung einer jüngeren Generation von Wissenschaftlern, die die Digitalisierung der Kartvelologie fortsetzen werden.

In unserem Vortrag werden wir als Beispiel ein prototypisches Parallelkorpus von Shota Rustavelis „Der Recke im Pantherfell“ präsentieren. Dieses Korpus, das das Epos in 55 Sprachen umfassen wird, stellt die Grundlage für eine digitale Rustvelologie dar und eröffnet neue Perspektiven für die Internationalisierung der Kartvelologie.