TSU, 212 | Moderation: Prof. J. Apakidse - 16.25-16.50

Die Sonderstellung der Muttersprache Georgisch und die Autorität der Mustersprache Griechisch

Nino Doborjginidze (Ilia State University, Tbilisi)

Im Vortrag werden die historisch bezeugten Konzeptualisierungen des Verhältnisses zur eigenen Sprache altgeorgischer Philologen und Übersetzer aus den XI-XIII Jh. Analysiert; es wird eine Perspektive betrachtet, in der sich Sprachwissenschaft und Philologie überschneiden, nämlich die Frage nach dem Verhältnis der Georgier zu ihrer Sprache, soweit es sich in den überlieferten altgeorgischen Texten bezeugt sind. Auf die Metatexte der Übersetzer beruhend wird es versucht, einen begrenzten Einblick in die historische Sprachsoziologie der georgischen Sprache zu gewinnen und günstigenfalls eine Wechselbeziehung zwischen historisch-soziolinguistischen und sprachlichen Gegebenheiten zu rekonstruieren.

Unter diesem Gesichtspunkt wird das Prozess der Überwindung der Armut der Muttersprache Georgisch bzw. die Neubestimmung und Legitimierung der Funktion der georgischen Sprache betrachtet. Es handelt sich um ein Bestreben der Georgier, durch die Übersetzung den Griechen bzw. der in der Philosophie und Rhetorik geschulten Mustersprache Griechisch ebenbürtig zu werden. Man gestand die Armut der eigenen Sprache im Verhältnis zur “sonnenähnlich klaren Sprache der Griechen” (Iovane Petrizi) ein, durch intensive Übersetzungstätigkeit, durch die Entwicklung des semantischen und stilistischen Potenzials versuchte man aber das arme Georgische auf das Niveau des Griechischen zu heben und, wie Iovane Petrizi sagt, “mit der täglichen Klarheit der Sprache der Griechen selbst zu wetteifern.“

Diese Sonderstellung der Mustersprache Griechisch bedeutete jedoch nicht, dass das Griechische im Georgien, sowie auch im ganzen östlichen Christentum eine ähnliche Rolle als universale Sakralsprache spielte, wie das Lateinische im westlichen Christentum des Mittelalters. Die Tatsache, dass das Griechische gegenüber dem Altgeorgischen auf einer kulturell höheren Entwicklungsstufe stand, bedeutete nur, dass sie als Vorbild, als Mustersprache für die „arme“ georgische Sprache wahrgenommen wurde. Das Argument der Ausdrucksarmut der georgischen Sprache im Verhältnis zum Griechischen und der Versuch der Georgier, ihre Sprache am Niveau der vorbildlichen Autorität des Griechischen zu orientieren, verhinderte keineswegs die gesellschaftliche und soziale Funktion des Georgischen: Ähnlich wie das höchstentwickelte Griechisch galt das Georgische als Sprache der Religion, der Literatur, der Wissenschaft und des staatlichen Lebens.